Testleserin Neele (19 J.): „Die mörderischen Cunninghams- Jeder im Zug ist verdächtig“ von Benjamin Stevenson
Rezension zu Benjamin Stevenson „Die mörderischen Cunninghams- Jeder im Zug ist verdächtig“
"Ernest Cunningham ist zurück! Zwar ohne seine mörderischen Verwandten, dafür aber mit seiner (noch) Freundin Juliette. Er wurde auf ein Autoren-Festival eingeladen, welches während einer spektakulären Zugreise im Gahn Train queer durch Australien stattfinden soll. Neben ihm werden noch eine Reihe anderer Autorinnen und Autoren eingeladen, darunter der international erfolgreiche Henry McTavish. Die Autoren werden jedoch nicht warm miteinander und Ernie gerät zunehmend unter Druck: Er soll einen neuen Roman schreiben, doch kann und will er sich nichts ausdenken.
Doch dann passiert es: Ein Passagier verstirbt und Ernie wittert sofort einen Mord. Er befasst sich nach und nach mit den Verdächtigen und gerät immer weiter in ein Netz voller überraschender Verbindungen. Zunächst muss man sagen, dass der Roman eine würdige Fortsetzung ist. Der Protagonist Ernie, mit seiner trockenen, korrekten und teils sarkastischen Art, wächst einem augenblicklich wieder ans Herz und auch die anderen Figuren sind lebensecht und doch ein wenig mysteriös gestaltet. Ganz an die Geschichten von Agatha Chrstie angelehnt. Handlungstechnisch, bietet sich ein spannender Roman, der nebst dramatischen und teils tragischen Geschichten auch ein wenig hinter die Kulissen des Autorendaseins blicken lässt. Eine Mischung aus der Aufklärung eines (oder mehrerer?) Morde, Ernies persönlichem Werdegang und zahlreichen Informationen aus dem Autoren- und Verlagswesen.
Besonders auffallend ist jedoch die Erzählweise. Ernie, der in dem Roman als ein „IchErzähler“ fungiert, kommuniziert direkt mit dem Leser und klärt diesen immer wieder über die „Regeln“ eines guten Krimis auf, macht auf Hinweise aufmerksam und auch, wenn er sich an Regeln hält, welche ein guter Krimi befolgen muss. Es wirkt beim lesen so, als würde man sich mit Ernie unterhalten und man stellt keine Sekunde die Wahrheit seiner Worte in Frage. Der Roman wirkt, als hätte ihn nicht Stevenson, sondern Ernest Cunningham selbst verfasst und kommentiert. Die Echtheit der Figur zweifelt man nicht an, da Ernie so gut entwickelt zu sein scheint, dass er ein wahrhaftig lebender Mensch sein könnte. Auch die anderen auftretenden Figuren sind sehr beeindruckend und passen hervorragend in den Kontext. Man spürt das von Ernie beschriebene geballte Ego der vielen Autoren und es wirkt dadurch sehr realistisch. Jeder der vorkommenden Autoren und teilweise auch die Verleger, Agenten und Co. hält sehr viel von sich und doch ist jeder von ihnen unterschiedlich dargestellt. Die Figuren wirken also sehr lebensnah und obwohl es recht viele zentrale Charaktere sind, kann man diese doch sehr gut voneinander unterscheiden. Dennoch hat mir persönlich, der erste Teil besser gefallen, ohne, dass ich sagen kann, woran genau dies im Enddefekt liegt. Eine Fortsetzung zu schreiben, ist wohl das schwerste, was man überhaupt tun kann. Vielleicht waren es die hohen Erwartungen an den Roman, nach dem herausragenden ersten Teil. Obwohl diese tatsächlich erfüllt wurden. Vielleicht lag es jedoch auch daran, dass man Ernie nun kannte, mehr über ihn und seinen Werdegang wusste und nicht, wie im vorangegangenen Roman immer wieder etwas aus seinem Leben erfahren hat. Im zweiten Teil ist Ernie mehr ein Beobachter und steht zwar im Zentrum der Handlung, jedoch mit anderen Auswirkungen. Es ist nicht seine Familie, um die es geht, sondern es sind „fremde“ Menschen. Dies ist jedoch Geschmackssache. Die vielen Figuren mit all ihren Eigenarten, die Spannung des Romans (man ahnt, dass man sich auf einen Abgrund aus tragischer Ereignisse zubewegt und doch kommt man, trotz zahlreicher Hinweise, nicht auf die Ereignisse selbst), die humorvollen Kommentare von Ernie, sowie der herausragende Sprachstil, den man kaum in Worten beschreiben kann, machen das Buch zu einem hervorragenden Leseerlebnis. Neele."
